Um die Auswirkungen von Stress auf Faszien zu verstehen, müssen wir uns zuerst einmal fragen, was Stress eigentlich ist.

Laut Wikipedia bezeichnet Stress zum einen eine durch spezifische äußere Reize (Stressoren) hervorgerufene psychische und physische Reaktionen bei Lebewesen, die sie zur Bewältigung besonderer Anforderungen befähigen, und zum anderen die dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung.

  
Gibt es „gesunden“ und “ungesunden“ Stress?

Häufig wird bei Thema Stress zwischen „positiven“ und „negativen“ Stress unterschieden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass positiver Stress den Organismus zwar beansprucht, sich aber positiv auswirkt. Positiver Stress erhöht die Aufmerksamkeit und fördert die Leistungsfähigkeit des Körpers, ohne ihm zu schaden. 

Dagegen wird Stress als negativ empfunden, wenn er häufig oder dauerhaft auftritt und körperlich und/oder psychisch nicht kompensiert werden kann und deshalb als unangenehm, bedrohlich oder überfordernd gewertet wird. Insbesondere können negative Auswirkungen auftreten, wenn die individuelle Person keine Möglichkeit zur Bewältigung der Situation sieht oder hat.

  
Kann negativer Stress krank machen?

Die Definition von Gesundheit – gemäß Dr. Johannes Bircher – lautet: Gesundheit ist ein Zustand, in dem ein Mensch den Anforderungen des Lebens gerecht werden kann.
Aus dieser Aussage lässt sich ableiten, dass Stress ist nicht „gut“ oder „schlecht“ und nicht „gesund“ oder „ungesund“ ist, sondern eine Anforderung des Lebens.

  • Kann der Mensch den Anforderungen gerecht werden, ist und bleibt er gesund.
  • Kann der Mensch den Anforderunge: nicht gerecht werden, verliert er den Zustand der Gesundheit.

 
Das vegetative Nervensystem

Um den Anforderungen des Lebens gerecht zu werden, bedarf es einer ständigen Kontrolle der Außen- und der Innenwelt eines Organismus. Diese Kontrolle unterliegt dem vegetativen Nervensystem. Dieser Anteil des Nervensystems arbeitet intuitiv, analog, unbewusst und sehr schnell. Er steht im Dienst der Überlebenssicherung des Organismus.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, ist das vegetative Nervensystem immer auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit. Folgerichtig ist eine Stressreaktion eine vegetative Reaktion, die dazu dient, das Überleben zu sichern. Faktoren, die die Sicherheit gefährden (könnten), lösen Stress aus. Die Stressreaktion dient dazu, den Organismus wieder in Sicherheit zu bringen.

 
Was hat Stress mit Faszien zu tun?

Faszie

Das vegetative Nervensystem hat eine enge Beziehung zum Fasziensystem:

  • Faszien sind vegetativ innerviert
  • Myofibroblasten sind sympathikus-reguliert
  • Vegetative Ganglien liegen in den Faszien der zirkulatorischen Organe
  • Vegetative Plexus liegen in Faszien der inneren Organe
  • Vaskuläre Plexus liegen in der Adventitia der Gefäße

Faszien unterstützen die Arbeit des Organismus bei allen Anforderungen, die mit einer Leistungserbringung einhergehen. Daher ist es naheliegend, dass Stress unmittelbare Auswirkungen auf Faszien hat. Ob diese Auswirkungen „positiv“ oder „negativ“ sind, hängt von den Kapazitäten des Organismus ab.

Können Faszien den an sie gestellten Anforderungen zur Unterstützung der Leistungserbringung gerecht werden, bleiben sie in einem Zustand der Gesundheit. Werden die Kapazitäten von Faszien überfordert, wie etwa bei langhanhaltenden bzw. dauerhaften Stressbelastungen, so führt dies zu Funktionsänderungen von Faszien und in weiterer Folge zu Pathologien.

Auswirkungen von Stressbelastungen zeigen sich im Bindegewebe in Änderungen von zellulären und fluidalen Bestandteilen.

 
1. Zelluläre Bestandteile

Bindegewebszellen bestehen unter anderem aus einem Zelltyp, der Myofibroblast genannt wird. Diese Zelle ist eine Mischform aus einer Bindegewebszelle und einer glatten Muskelzelle und hat die Fähigkeit sich zu kontrahieren und Faszien zu spannen.

Diese Spannungsregulation unterliegt einer vegetativen Kontrolle.

Im Rahmen der physiologschen Funktion unterliegen diesen Spannungsänderungen in einer zyklischen Änderung.  Sympathikotonie (erhöhter Tonus des Sympathikus) führt zu einer Mobilisierung des Organismus und zu Spannungserhöhung im faszialen Gewebe. Besteht eine Sympathikotonie über einen langen Zeitraum in konstanter Art und Weise, führt die dauerhafte Spannungserhöhung des Gewebes zusätzlich zu einer erhöhten Zellteilung. Die Kombination aus einer vermehrten Zahl von Myofibroblasten mit einer zusätzlich dauerhaft erhöhten Spannung führt zu Patholgien, die sich als „Frozen Fascia“ repräsentieren, ein Überbegriff, der „versteifte“ Faszien beschreibt.

Bekannt ist dieser Zustand bei „Frozen Shoulder“, kann sich aber auch in anderen Körperregionen zeigen, wie etwa in der Lende („Frozen Lumbars“), in den Faszien rund um Nerven („Kompressionssyndrome“), in den Faszien rund um Muskeln („Kompartmentsyndrome“) und auch in den Faszien rund um Organe („viszerale Kompartmentsyndrome“).

 
2. Fluidale Bestandteile

Die interstitelle Flüssigkeit macht bei Faszien einen Volumenanteil von 60 bis 80% aus. Sie beinhaltet Hyaluoransäure, die die Eigenschaft hat, Wasser zu binden. Bei verminderter Bewegung kommt es zur Fragmentierung der Hyaluoransäure HA, es bilden sich pathologische Aggregationen von Hyaluron-Ketten. Diese erhöhen die Viskosität und vermindern die Gleitfähigkeit. Die Folge davon sind Adhäsionen, „Verklebungen“ von Faszienschichten. Einen positiven Einfluss auf die Restrukturierung der Hyaluoransäure haben Wärme und Bewegung.

Neben Wärme und Bewegung spielt der pH-Wert eine wichtige Rolle für die Viskosität der Flüssigkeit. Ein niedriger pH-Wert macht Hyaluransäure visköser und klebriger. Die Regulation des Säure-Basen-Haushaltes erfolgt zu 80% über die Atmung. Der Normalwert im Blut und Interstitium liegt bei rund 7,4. Bei Belastungen sinkt der Wert auf 6,6. Diese Reduktion des pH-Wertes erhöht die Viskosität um 20%.

Eine durch Stressbelastung dauerhaft veränderte Atmung führt zu einer mangelnden CO2-Abatmung und damit zu einem Absinken des pH-Wertes im Gewebe. Dies hat Adhäsionen und Verklebungen von Faszien zur Folge. Bleiben diese Adhäsionen über längere Zeiträume von mehreren Monaten bestehen, kommt es zusätzlich zu Verwachsungen, durch die Faszienschichten unbeweglich werden und ihre Gleitfähigkeit verlieren.

 
Vegetative Innervation von Faszien

vegetative Innervation

Faszien zeigen im Allgemeinen eine hohe vegetative Innervation. Besonders hoch ist diese bei den Faszien der inneren Organe (Fascia visceralis) und den Faszien der Haut (Fascia superficialis).

Auswirkung von Sympathikotonie auf Organfunktionen:

  • Stress und Organfunktion korrelieren unmittelbar
  • Keine lokale Wahrnehmung sondern generalisiertes Unwohlsein
  • Stress ändert Organfunktion - veränderte Organfunktion löst Stress aus
  • Stress hat Einfluss auf viszerale Faszien - viszerale Faszien sind Grundlage der gesunden Organfunktion

Auswirkung von Sympathikotonie auf die Haut:

  • Stress und Haut korrelieren unmittelbar
  • Keine lokale Wahrnehmung sondern generalisierte (systemische) Änderungen
  • Sowohl Stress als auch Organfunktion bildet sich an der Körperoberfläche ab
  • Haut ist unser wichtigstes Organ für Stressregulation und viszerale Regulation

Insbesondere die Haut am Rücken hat eine hohe vegetative Innervation. Die Rami posteriores führen zu 80% vegetative Fasern.

Die Haut und Fascia superficialis am Rücken sind:

  • der Raum für Somatisierung des Vegetativums (körperlich bewusste Wahrnehmung von Emotion)
  • unser größtes Organ für vegetative Wahrnehmung (die Angst „sitzt im Nacken“)
  • Vegetative Projektionsfläche der Viszera

Therapiemaßnahmen zur Unterstützung des Organismus bei Stressbelastungen

Zur Regulierung des Vegetativums werden systemische Anwendungen angewandt mit folgender Zielsetzung:

  1. Tonisierung des cranialen Vagus
  2. Regulation des Sympathikus
  3. Therapie der Viszera

Stimulierung des cranialen Vagus

 
1. Tonisierung des cranialen Vagus

Gemäß der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges hat der Vagus als oberstes Regulativ hat die Kompetenz, die anderen Anteile des Vegetativen Nervensystems zu kontrollieren und zu koordinieren. Den Einfluss auf den Sympathikus nennen wir die sogenannte „Vagus-Bremse“.

Der Sympathikus ist jederzeit bereit zur Aktivität; der ventrale Vagus bremst den Sympathikus und reduziert seine Aktivität. Sobald der Vagus die Bremse löst, wird der Sympathikus aktiviert und mobilisiert seinerseits den Organismus.

Die manuelle Unterstützung zur Stärkung des cranialen Vagus erfolgt mit weichen, ruhigen, regulierenden Massagen der vom Vagus innervierten Gesichts- und Kopfregionen. Dies umfasst die Behandlung der Gesichtshaut, der mimischen Muskulatur, des Kauapparates und der Drüsen am Kopf (Speicheldrüsen, Tränendrüse).

 
2. Regulation des Sympathikus

Die Regulation erfolgt mit Hilfe spannungsregulierender Griffen, die an der Haut und Fascia superficialis angewandt werden. Regionaler Schwerpunkt ist die Fascia superficialis am Rücken. Hierbei werden Spannungsänderungen aufgesucht, überspannte Regionen reguliert und unterspannte Regionen tonisiert.

 
3. Viszerale Therapie

Einen guten regulierenden Einfluss auf das vegetative Nervensystem haben stimulierende Behandlungen des Bauchorgane. Diese können mittels Darmmassagen und tiefer Bauch-Lymphdrainage durchgeführt werden. Mit viszeralen Faszientechniken können gezielte Anwendungen bei Adhäsionen und Verwachsungen durchgeführt werden, die systemisch eine regulierende Wirkung auf den Parasympathikus haben.

 

Abschließend kann festgehalten werden, dass eine Stimulierung des cranialen Vagus überschießende Sympathikus-Reaktionen bremst und Stressreaktionen mindert. Unterstützt kann dies durch eine Vermittlung von Sicherheit und Geborgenheit, die die manuelle Therapie begleitet.
 

(Autor: Andreas Haas)
Fotos: Andreas Haas (Copyright Manus Fascia Center, Universität Leipzig))